Die "Alte Schule"

Erbaut 1878

Die "Alte Schule" wurde im Jahr 1878 erbaut. Das Gebäude diente seither dem Ort Haingrund als Schulgebäude, Gemeindehaus, Wohngebäude, Jugendzentrum und sogar, während Haingrunds Geschichte als eigenständige Gemeinde, als Rathaus.

 

1878 gehört Haingrund zum Großherzogtum Hessen (Provinz Starkenburg, Kreis Erbach), welches von Friedrich Wilhelm Ludwig IV. Karl von Hessen und bei Rhein regiert wird.


Zur Einordnung: 

1878 gibt es im rund 430 Einwohner zählenden Haingrund weder Strom noch Telefon, in Berlin herrscht Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler ist Otto von Bismarck. Zwei Jahre zuvor meldete Alexander Graham Bell das Telefon zum Patent an und die Kleinkinder Konrad Adenauer (erster deutscher Bundeskanzler), Wilhelm Piek (erster Präsident der DDR) und Mata Hari (exotische Nackttänzerin und deutsche Spionin im ersten Weltkrieg) werden süße zwei Jahre alt.
Das Schloss Neuschwanstein, des regierenden Bayernkönigs Ludwig II., befindet sich noch im Bau.

 

Bei der "Alten Schule" handelt sich um einen standardisierten Sandsteinbau mit verputztem Innenfachwerk, wie er in dieser und abgewandelter Form öfter in der Region zu finden ist. Keller und Dachgeschoss mitgerechnet hat das Gebäude vier Stockwerke.

 

Das markanteste Erkennungszeichen von außen ist das aufgesetzte Glockentürmchen, welches viele Jahre lang den Dorfbewohnern die Zeit anzeigte. Die erste Glocke wurde im Ersten Weltkrieg für die Rüstung eingeschmolzen. Die zweite Glocke wurde 1984 aus dem Turm entfernt und geleitet seither, als Friedhofsglocke, die Verstorbenen auf dem Haingründer neuen Friedhof, zu ihrer letzten Ruhestätte.

 

Im Erdgeschoss befindet sich ein großer Saal, der zu Beginn als Klassensaal für die ersten vier Jahrgangsstufen diente. Eine Lehrkraft unterrichtete hier vier Klassen gleichzeitig.

Diese, damals völlig normale Situation, wurde 1910 entzerrt, mit dem Bau der "Neuen Schule" (Wörther Straße 1), dem heutigen Dorfgemeinschaftshaus. Fortan teilten sich die beiden Gebäude den Schulbetrieb. Im Jahr 1963 wurde im benachbarten Seckmauern die neue Grundschule in der Pestalozzistraße eröffnet. In der Folge verloren die beiden, in die Jahre gekommenen, Schulgebäude in Haingrund ihren ursprünglichen Zweck und die Haingründer Schüler besuchen seither die Grundschule in Seckmauern.

 

Zuletzt nutzte die evangelische Kirchengemeinde den großen Saal als Gemeinderaum und hielt dort, unter anderem, Kindergottesdienste ab. Im Jahr 2020 zog die Kirchengemeinde in den Saal unter der Haingründer Kirche um.

Damit verlor die "Alte Schule" ihren letzten noch verbliebenen Mieter.

 

Im Eingangsbereich befindet sich die ehemalige Amtsstube, deren Tür noch heute stolz das Emaille-Schild "Der Bürgermeister" trägt. Bis zur Eingemeindung, am 1.2.1971 in die Gemeinde Steinbachtal, war Haingrund selbstständig. Die neu geformte Gemeinde existierte nur bis zum 1.8.1972 und ging anschließend in die Gemeinde Lützelwiebelsbach (seit 1.7.1973 Lützelbach) über.
Die ehemalige Amtsstube wird nicht mehr genutzt.

 

Im Keller ist, neben dem alten Heizöllager, ein großer Gewölberaum, welcher von der Dorfjugend bis in die späten 2000er Jahre hinein als Partykeller genutzt wurde. Seither ist er verschlossen und ungenutzt.

 

Im ersten Stock befindet sich die "Lehrerwohnung", die als solche in den Jahren des Schulbetriebs genutzt wurde. Anfangs mit Kohle, wurden die Räume später mit zunächst von Hand zu befüllenden, später mit zentralversorgten Ölöfen beheizt. Auch das Warmwasser wurde so bereitet. Die hohen Räume sind mit feinem Lehmputz versehen und trugen einst dekorative Bordüren.

Zuletzt lagen die Wände unter bis zu acht Schichten unterschiedlichster Tapeten- und Farbschichten und die Räumlichkeiten dienten als Sozialwohnung der Gemeinde Lützelbach.

 

Ein zurückgelassener Kalender zeigt "März 2001". Seither stand die Wohnung leer und verfiel.